Freitag, 20. Mai 2011

Então Portugal, was bringt der Tag?

Vielleicht muss man, um mich zu verstehen, die Orte gesehen haben, die ich gesehen habe und die Menschen gekannt haben, die ich kannte. Wenn das so ist, haben ungewöhnliche Wege wohl die Folge, dass man missverstanden wird.

Tatsächlich habe ich mich in den letzten Wochen sehr oft an die Algarve zurückgewünscht - wo alles das letzte Mal unkompliziert und klar zu sein schien. Zurück in Lissabon warteten plötzlich Rastlosigkeit und Chaos. Es ist diese eine Lektion, die ich auch nach neun Monaten Portugal einfach nie lerne: Nimm die Gegenwart wie sie kommt. Erwarte nichts und freue dich über die schönen Überraschungen. Portugal ist ein Land des Augenblicks - jeden morgen wacht man auf und man weiß nie was kommt. Planung? Vorhersagen? Fast völlig unmöglich.

Seit ich damals in Porto gelandet bin, hat sich viel mehr verändert, als ich mir je hätte vorstellen können. Und trotzdem fühle ich mich manchmal schlagartig an den Anfang zurückkatapultiert. Auf einmal bleiben mir nur noch fünf Wochen bis zu dem Punkt, an dem ich plötzlich nicht mehr hierher gehören werde - aber auch noch nicht wieder nach Deutschland. Und warum sind gerade diese letzten Wochen verrückter, ereignisreicher und überwältigender als alle anderen zuvor? Am Anfang des zweiten Auslandsjahres meines Lebens habe ich mir noch gesagt: "Been there, done that!" - für mich wird das ja diesmal alles keine große Überraschung mehr. Aber von etwas überzeugt zu sein ist eben nicht alles. Wie unterschiedlich zwei Länder, die doch weltweit gesehen so nah beieinander liegen, wirklich sein können, ist nur eine der vielen Überraschungen die Portugal für mich hatte.

Seit diesem speziellen ersten September im letzten Jahr, hatte ich 3 Wohnungen in drei sehr verschiedenen Vierteln Lissabons und 16 verschiedene Mitbewohner aus 10 verschiedenen Ländern. Die meisten Freunde die ich hier habe sind Polnisch und Spanisch. Für 3 Tage im Januar hatte ich plötzlich gar kein Heim. Die letzte Vorlesung und das letzte Seminar in Portugal hatte ich gestern. Es sind Dinge passiert, die auf einer "was-könnte-alles-passieren-Liste" sicher niemand auflisten würde und trotzdem war jedes einzelne, im ersten Moment negative, Erlebnis am Ende für irgendetwas gut. Wäre ich damals im September zuerst in meine jetzige Wohnung gezogen - vielleicht hätte ich sie nicht sehr zu schätzen gewusst. Aber nach all den Umständen in der Vergangenheit erscheint sie mir perfekt. In jedem Haus hatte ich solche Mitbewohner, die ich am liebsten nie wieder sehen möchte und solche, die ich nie wieder missen will.

Aus eher verhaltenen ersten Begegnungen wurden manchmal die besten Freundschaften und aus Überschwung, Freude und gleicher Wellenlänge verlief sich vieles im Sand. Sollte ich damals in den ersten Wochen eine Prognose aufgestellt haben, wer mir zum Schluss am nächsten steht - ich habe das Ziel sicherlich weit verfehlt. Manchmal sind mir auch plötzlich unglaubliche schöne Ereignisse zuteil geworden - doch das passiert immer nur dann, wenn man es am allerwenigsten erwartet. Manchmal bekommt man das Gefühl Portugal fädelt es mit Absicht so ein, dass jede Erwartung bestraft wird.

Es ist entweder das Land, in dem Menschen oft lächeln, wenn sie gar nicht lächeln wollen und schöne Worte benutzen, deren Inhalt zu nicht mehr dient als den Hörer zufriedenzustellen oder das Land, in dem eine Meinung sich von einer Sekunde zur nächsten um 180° wenden kann. Was man über uns Deutsche hier nie verstehen wird, ist, dass wir schöne Worte zwar gern hören - aber nur bis zu dem Punkt an dem wir merken, dass sie vielleicht schon bald nicht mehr wahr sind. Wir verlassen uns auf Worte und machen Pläne, die Portugal dann durchkreuzt. Höflichkeit und Freundlichkeit sind für uns manchmal dann schweigen, wenn sie hier reden bedeuten - ein ehrliches "ich weiß es nicht" anstelle einer gut gemeinten aber irreführenden Information; Stille anstatt angebotener Hilfe, die wir nie bekommen werden.

Vielleicht sind es diese Missverständnisse, die einen schon vor der Zielgeraden einige der Menschen verlieren lassen, die einem am wichtigsten waren. Doch kann man wütend auf eine Person sein, die nur geht weil sie es für sich für das Beste hält? Kann man sich Fehler vorwerfen, die man nur gemacht hat, weil man die anderen Personen auf Grund kultureller Unterschiede und Überzeugungen missverstanden hat? Ich weiß es nicht, Portugal, aber vielleicht bringst du mir ja eines Morgens, in einer deiner schönen Überraschungen, wieder, was ich nicht vermissen würde, wenn du es mir nicht erst gegeben hättest.

Dann bleibt also die Frage, ob die Erlebnisse all diese Auf und Ab's wirklich wert sind. Und das sind sie. Denn wenn wir etwas vermissen, dann nur weil es schön war und erst wenn jemand geht, wissen wir es zu schätzen, dass es Menschen gibt, die aus freien Stücken bei uns bleiben. Wer will schon ein eintöniges Leben, nur weil es sicher erscheint und uns keine Narben beschert. Ich weiß nicht was die Zukunft noch bringt und ich versuche keine Erwartungen zu haben.

Nun geht es darum, die verbleibende Zeit so gut zu nutzen, wie es geht. Da sind auch noch all die Orte, die ich immer besuchen wollte - und ich arbeite nun Tag für Tag daran, sie alle zu sehen.

Heute habe ich sodann endlich eines meiner lang angestrebten Ziele von meiner To Do-List streichen können.

Palácio Nacional de Queluz:












2 Kommentare:

  1. Schön geschrieben. Und alles Erfahrungen, die dir keiner mehr nehmen kann.

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  2. Danke - ich weiß ja ich schreibe normalerweise nicht sehr viele persönliche Sachen hier. :) Aber das ist wahr. Ich kann wirklich nicht sagen, dass das Jahr langweilig oder nicht reich an Erfahrungen war.

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